Eine venezianische Geschichte
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Er hat diese wunderschöne und rührende Geschichte geschrieben und uns erlaubt sie zu publizieren. Wir bedanken uns bei ihm herzlichst dafür ....
Von Prof. Aziz Kortel
Die feuchte Abenddaemmerung ging in eine leuchtende, kalte Nacht über - der Markusplatz funkelte aus allen Ecken. Der "carnevale" lief auf Hochtouren, und bunte Gestalten rauschten durch Plaetze, Gassen und Kanaele.
Bei den Tetrachen am Dom sahen sie sich: es war "Maskenliebe" auf den ersten Blick! "Er" hatte ein kreisrundes, lustiges Vollmond-Gesicht mit einem lachenden Mund, "sie" eine dicke schwarze Traene unter grossen, melancholischen Augen. Die Gegensaetze zogen sich blitzartig an: bald schon sassen sie beim Wein an der Bar und bewunderten sich gegenseitig. Er meinte, die blasse und traurige Wesen trösten, waermen und schützen zu müssen - und sie fand all die lang ersehnte Lebensfreude und Ausgelassenheit, die sie bei ihren vorherigen Partnern vermisst hatte, in jenem runden Strahlgesicht.
Hand in Hand schlenderten sie nun durch die Gassen, versuchten unter fahlem Laternenlicht den Glanz ihrer Augen zu erspaehen, tanzten hier und dort mit den schwingenden Massen mit, verloren und fanden sich zum Spass; lachten und scherzten und erzaehlten sich unmögliche Geschichten von Sonnen, Monden, Prinzen und Katamaranen. An dunklen Ecken hielten sie manchmal plötzlich den Atem an, wurden ganz still und zaertlich, - oder lachten auf, wenn sie erneut am Ende einer blinden Gasse an den gluckernden Kanal gerieten. "Mondgesicht" setzte sich gelegentlich auf die eisigen Stufen einer Brücke, und "Traenenauge" spürte die Kaelte nicht!
Bei den Kolonnaden von San Francesco verirrten sie sich, fanden dann eine kleine, offene Bar und staerkten sich. Sie waren so übermütig aufgelegt, dass sie beide eine schelmische Freude empfanden, als "Traenenauge" von der Theke unbemerkt Süssigkeiten in ihre Umhaengetasche gleiten liess, - und er sah noch "mondiger" aus, als sie ihm zaertlich ein Kirschbonbon zwischen die Zaehne steckte.
Schliesslich fanden sie fast schwebend wieder zum Markusplatz zurück. Hier war es inzwischen ruhiger geworden: ein leichter Nebel legte sich über torkelnde Paare, vereinzelt erklangen Gesangsfetzen und Flaschengeklirr aus den Prokuratien, dunkle Gestalten kauerten in Decken gehült auf nassen Stufen - die Nacht ging zu Ende.
Im Morgengrauen an der "Riva degli schiavoni" wollten sie dann ihre Masken lüften.
"Du zuerst" sagte "Mondgesicht".
"Nein, du" sagte "Traenenauge".
Langsam kippten die so vertrauten und geliebten Köpfe nach hinten - und plötzlich schien der ganze Zauber dieser Nacht auch nach hinten, in einen unbekannten Schlund zu fallen und löste sich auf. "David", hiess es plötzlich, und "Sonja"; - die Stimmen klangen unsicher und hatten keine Stütze.
David hatte ein laengliches, ziemlich hart geschnittenes Gesicht, Sonja starke Wangenknochen und lustige, kleine Augen, - es gab überhaupt keine Aehnlichkeit zu... ... Sie hatten beide fast gleichzeitig den Drang, die Masken noch einmal aufzusetzen, doch die Haende fanden nicht den Weg dazu - es gab kein zurück mehr!
Sie gingen - als feierlicher Abschluss - zu "Florian" zum Morgenkaffee - ihrem Gang fehlte allerdings die leichte, fliessende Bewegung und ihren Körpern die Anmut der Nacht... Die Stille des frühen Morgens legte sich auf Davids schmale Lippen, und Sonja versuchte, so freundlich wie möglich zu blicken - ihre Augen wurden dabei noch kleiner.
Das Stimmengewirr im "Florian" tat ihrer Sprachlosigkeit gut, der Kaffee waermte von innen, sie verabredeten sich fürs naechste Jahr. "Wir werden uns sicherlich wiederkennen, nicht wahr?" sagte David und versuchte dabei, mit den Augen aufzuleuchten. Sonja nickte - und ihre Grübchen vertieften sich zu zierlichen Höhlen.
Sie trennten sich an der Piazette - still und klaglos. Es tat nicht weh - nur eine kleine Leere blieb übrig - eine Leere wie nach einem Traum, der einem entgleitet und den man nicht mehr erzaehlen kann...
Als David noch einmal zurückblickte, konnte er Sonja zwischen all den Köpfen und Masken gerade noch einmal erkennen. Ihre linke Wange schien nass zu sein - sie glaenzte kurz in der Morgensonne auf, - wie blickte sie nun so traurig und schutzlos zurück! Plötzlich wurde ihm warm ums Herz, er begann heftig zu winken - bis sie in der Masse verschwand. Er merkte nicht, dass ein Gesicht dabei die Gestalt eines lustig dreinblickenden, fast vollen Mondes annahm...
Prof. Aziz Kortel - August 2003


